@[
Bösgläubiger Empfänger](323892)
Schema bei möglicher Grundfreiheitsverletzung in einer Auslegungsvorlage:
1. Zulässigkeit der Vorlage
1) Statthafte Vorlagefrage: Auslegung der Verträge (Art. 267 Abs. 1 lit. a AEUV), konkret der betroffenen Grundfreiheit (z. B. Art. 34, 45, 49, 56 AEUV).
2) Vorlageberechtigung: vorlegendes „Gericht“ i. S. v.
Art. 267 AEUV.
3) Vorlagebefugnis/-pflicht: jedes Gericht darf (Abs. 2), letztinstanzliche müssen (Abs. 3), Ausnahmen acte clair/éclairé nach CILFIT; bei Gültigkeitszweifeln an Sekundärrecht Foto-Frost beachten.
4) Entscheidungserheblichkeit: Auslegung muss für die Beurteilung der Vereinbarkeit der nationalen Maßnahme mit der Grundfreiheit erforderlich sein; keine hypothetischen Fragen.
5) Ordnungsgemäßer Vorlagebeschluss mit Sachverhalt, nationalem Rechtsrahmen und Begründung (Art. 94 VerfO EuGH).
2. Begründetheit (materielle Auslegung durch den EuGH)
1) Anwendungsbereich: grenzüberschreitender Bezug; persönlicher/sachlicher/örtlicher Schutzbereich der betroffenen Freiheit.
2) Beschränkung: Diskriminierung oder sonstige Beschränkung; je nach Freiheit maßgebliche Tests (z. B. Keck/Markt
zugang bei Art. 34; Gebhard bei Art. 49; Säger bei Art. 56).
3) Rechtfertigung: vertragliche Rechtfertigungsgründe (z. B.
Art. 36 AEUV) oder zwingende Gründe des Allgemeininteresses; keine Rechtfertigung bei Vollharmonisierung.
4)
Verhältnismäßigkeit:
Geeignetheit,
Erforderlichkeit, Angemessenheit; Kohärenzprüfung.
5) Einbezug von GRCh und allgemeinen Grundsätzen; effet utile; unionsautonome Auslegung (alle Sprachfassungen, Systematik, Telos, Historie).
6) Zeitliche Wirkung: grundsätzlich ex tunc, ausnahmsweise Beschränkung möglich.
3. Rechtswirkungen
1) Auslegungsvorlage: Bindung des vorlegenden Gerichts und aller Gerichte des Instanzenzugs; faktische erga-omnes-Wirkung; ex tunc (
Art. 267 AEUV i. V. m. Art. 4 Abs. 3, Art. 19 Abs. 1 EUV).
2) Gültigkeitsfragen: Ungültigkeit nur durch EuGH; allgemeine Bindungswirkung.
Ergänzend ein kompaktes numerisches Gesamt
schema zur Auslegungsvorlage nach
Art. 267 AEUV:
1. Zulässigkeit
1) Statthafte Vorlagefrage: Auslegung von Unionsrecht/Verträgen (Art. 267 Abs. 1 lit. a AEUV); der Vollständigkeit halber: Gültigkeit von Handlungen der Organe (Art. 267 Abs. 1 lit. b AEUV).
2) Vorlageberechtigung: „Gericht“ i. S. d.
Art. 267 AEUV.
3) Vorlagebefugnis/-pflicht: Abs. 2/Abs. 3; CILFIT-Ausnahmen; Foto-Frost bei Gültigkeit.
4) Entscheidungserheblichkeit.
5) Ordnungsgemäßer Vorlagebeschluss (Art. 94 VerfO EuGH); keine Missbrauchs-/Hypothesenfragen; hinreichend geklärter Sachverhalt.
6) Verfahrensstand: Aussetzung; ggf. beschleunigt/PPU (Art. 105 ff., 107 ff. VerfO; Art. 23a EuGH-Statut).
2. Begründetheit
1) Unionsautonome Auslegung (Wortlaut, Systematik, Telos, Historie, Grundrechte, effet utile).
2) Unmittelbare Wirkung klarer, genauer, unbedingt formulierter Vertragsnormen; sonst unionsrechtskonforme Auslegung, keine contra legem.
3) Kompetenzverteilung: EuGH interpretiert; Anwendung im
Einzelfall durch nationales Gericht.
4) Zeitliche Wirkung: grundsätzlich ex tunc.
3. Rechtswirkungen
1) Auslegungsvorlage: Bindung aller Gerichte des Instanzenzugs; faktische erga-omnes-Wirkung.
2) Gültigkeitsvorlage: allgemeine Bindungswirkung bei Ungültigkeit; regelmäßig ex tunc, ggf. zeitliche Beschränkung.
Rechtsgrundlagen:
Art. 267 AEUV; Art. 19 Abs. 1, Art. 4 Abs. 3 EUV; Art. 263, 264, 277 AEUV; EuGH-Statut Art. 23, 23a; VerfO EuGH Art. 94, 99, 105 ff., 107 ff.